Kurze Rede von Gerhard Stamer auf der Eröffnungsfeier des neuen JugendTheaterHauses in Hannover am 4.November 2011

Hannover hat ein KinderTheaterHaus. Dank allen, denen wir das zu verdanken haben – und herzliche Glückwünsche denen, die nun die Gelegenheit haben, hier aus diesem Ort eine pralle, kultige Stätte für Kinder – und auch Erwachsene - zu machen.

Was soll hier stattfinden? Was für eine Art von Kindertheater? DerVortrag von Ingrid Hentschel im Oktober hat uns vor Augen geführt, wie vielfältig Kindertheater sein kann, daß es in den vergangenen Jahrzehnten einen unentwegten Wechsel der Konzeptionen gab: politisches, pädagogisches, ästhetisches Theater.

Wie könnte nun ein Theater aussehen, daß alles zusammenbrächte? Jede einzelne Konzeption kam mir immer einseitig vor. Aber für das Zusammenfügen dieser verschiedenen Konzeptionen habe ich keinen überzeugenden Einheitspunkt gefunden. Ich habe wirklich darüber nachgedacht, aber es ist mir nichts Gescheites eingefallen. Plötzlich kam ich wie aus heiterem Himmel auf eine ganz neue Idee, auf ein Begriffspaar, das mir geeignet schien, zu sagen, was in einem Kindertheater auf jeden Fall passieren soll.

Kinder sind einerseits das Unvollkommene; sie sind aber zugleich auch das Vollkommene. Mir scheint, daß ein gutes Kindertheater aus der Verbindung und der Spannung dieses extremen Gegensatzes hervorgeht. Wenn Kinder nur als das Unvollkommene oder als das Vollkommene angesehen werden, geht alles schief. (Natürlich kann ich hier auch statt Kinder einfach Wir sagen, denn wir waren alle Kinder und sind es ein bißchen immer geblieben.)

Kinder sind das Unvollkommene. Das braucht gar nicht weiter bewiesen zu werden. Wir kommen auf die Welt und können von allein gar nicht existieren. Wir bekommen die Brust oder die Flasche, natürlich auch Pampers. - Dann müssen Kinder Laufen lernen, dann Lesen und Schreiben, dann Mathe und noch viel mehr – mindestens 10 oder 12 ganze Jahre zur Schule gehen, eine Lehre machen oder studieren: – und erst mit 20 oder auch erst mit 30 stehen sie dann, wie es heißt, auf eigenen Füßen. Eine verdammt lange Zeit, bis sie aus der Abhängigkeit herausgewachsen sind, bis wir uns in der Welt selbständig orientieren können.

Aber Kinder sind auch das Vollkommene. Zumindest meinen das einige Dichter wie Hölderlin. Ich möchte Ihnen eine Kostprobe geben aus Hölderlins Epos Hyperion:

„Da ich noch ein stilles Kind war und von dem allem, was uns umgibt, nichts wußte, war ich da nicht mehr, als jetzt, nach all den Mühen des Herzens und all dem Sinnen und Ringen?
Ja! ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist.
Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.
Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im Kind ist Freiheit allein.
In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichtum ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.
O es sind heilige Tage, wo unser Herz zum ersten Male die Schwingen übt, wo wir, voll schnellen feurigen Wachstums, dastehn in der herrlichen Welt, wie die junge Pflanze, wenn sie der Morgensonne sich aufschließt, und die kleinen Arme dem unendlichen Himmel entgegenstreckt.“

Das hört sich natürlich sehr dichterisch an. Aber auch wenn wir das überschwänglich empfinden, intuitiv leuchtet es uns auch bei aller Nüchternheit ein, daß das Kind eine gewisse Vollkommenheit besitzt. Es tritt wie ein unbeschiebenes Blatt ganz frisch in die Welt ein. Mit jedem Kind beginnt die Welt in gewissem Sinne von Neuem. Kinder sind nicht nur Fortsetzer des Alten. Sie sind noch nicht eingemeindet, noch nicht angepaßt. Deshalb sind sie auch große Philosophen und stellen Fragen wie die: „Warum ist überhaupt etwas, Papa, und nicht nichts?“
Oder: „Mami, warum ist morgen heute gestern?“

Ich will nun nicht viele Worte verlieren, sondern ganz kurz eine Konsequenz aus dem Gesagten ziehen: Kinder sind ganz klein - und sie sind großartig! Wir müssen beides beachten. Das erfordert äußerste Sensibilität. Ihrer Unvollkommenheit begegnen wir am Besten mit Liebe, ihrer Vollkommenheit am Besten mit Achtung und der Anerkennung ihrer Freiheit.

Das Kindertheater ist ein Ort, an dem sich diese beiden: Liebe und Freiheit im Spiel begegnen und verbinden. Im Spiel sind auch wir Erwachsene Kinder geblieben. Und wir wissen es ja, es mußte uns nicht erst von Friedrich Schiller gesagt werden, daß wir nur dort ganz Mensch sind, wo wie spielen.

Ich wünsche unserem KinderTheaterHaus, ein wundervolles, mitreißendes, erfolgreiches Spiel mit Liebe und Freiheit!