Systematizität – System ohne System
Eine Entgegnung auf den Artikel "Systematizität als das, was Wissenschaft ausmacht" von Hoyningen-Huene in der Information Philosophie, Märzausgabe 2009.
Im Zusammenhang des Bologna-Prozesses, der Vereinheitlichung des Europäischen Hochschulraums, sind die Wissenschaft überhaupt und die Einheit der Wissenschaften zu hochaktuellen Themen geworden. Es würde den Rahmen dieser Replik auf den genannten Artikel von Hoyningen-Huene sprengen, wollte man versuchen, die Diskussion um diese Fragen darzustellen. Schon vor Jahren hatte – um nur ein Beispiel zu nennen – der gegenwärtige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Julian Nida-Rümelin in dem ZEIT-Artikel "Das hat Humboldt nie gewollt" (3. März 2005) eine kritische Einschätzung der Bologna-Beschlüsse veröffentlicht. Auch im Zusammenhang der Globalisierung stellt die Wissenschaft in Kongressen und mit ihren weitgehend internationalen Fachsprachen einen wichtigen Faktor dar. Aus dem Grunde ist es interessant, wenn der Leiter einer Zentralen Einrichtung für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik einen Artikel über Wissenschaft veröffentlicht, wie es jetzt Paul Hoyningen-Huene in der Märzausgabe der Information Philosophie getan hat.
Paul Hoyningen-Huene schafft es, die Systemlosigkeit mit einem höheren Begriff des Systemdenkens auszustatten. In offensichtlicher und eingestandener Systemlosigkeit vermag er eine hohle Systematisierung wie eine Neuigkeit zu präsentieren: Systematizität.
Sein Artikel ist kurz zusammengefaßt. Im 19. Jahrhundert sei die Vorstellung verabschiedet worden, "Wissenschaft könne sicheres Wissen über die Welt erzeugen." Da auch die wissenschaftlichen Methoden keine Gewißheit verleihen könnten, stünde man "hinsichtlich der Frage, was wissenschaftliches Wissen ist, gewissermaßen mit leeren Händen da:..."
Und nun ergibt sich das Problem, in dieser dürftigen Zeit doch was in die Hände zu bekommen. So wie es die Philosophie im 20. Jahrhundert angestellt hätte, "die Wissenschaft von Pseudowissen oder 'Metaphysik' abzugrenzen", das sei nicht erfolgreich gewesen, es dränge sich daher eine andere Abgrenzung, ein "anderer Zugang" auf: "..., nämlich der von Wissenschaft und Alltagswissen,..." Und dann kommt die entscheidende These: "Wissenschaftliches Wissen unterscheidet sich von anderen Wissensarten, besonders vom Alltagswissen, primär durch seinen höheren Grad an Systematizität." Zunächst mag der eine oder andere Leser einigermaßen verblüfft sein, wenn er das doch schon immer gedacht hat, wird dann aber schnell beruhigt, denn es handelt sich wohl um etwas Bedeutungsvolleres als man bisher erfaßt hat, um Systematizität eben. Die Spannung hält jedoch nicht lange an, denn wieder wird die Luft aus dem Ballon gelassen: "Der Systematizitätsbegriff ist ziemlich vage..." Die anschließende "Präzisierung" führt einige "Gegenbegriffe" an, um dann wieder achselzuckend zu bekennen "mehr läßt sich auf dieser abstrakten Ebene über die Bedeutung von 'systematisch' nicht sagen." Aufschluß erwarten wir nun von der folgenden "Konkretisierung des Systematizitätsbegriffs". Aber wir wissen nicht woher, aus welchem systematizitätischen Grund, jedenfalls werden uns "neun Dimensionen" wissenschaftlichen Wissens aus heiterem Himmel aufgetischt: Beschreibungen, Erklärungen, Vorhersagen, Verteidigung von Wissensansprüchen, Kritischer Diskurs, Epistemische Vernetztheit, Ideal der Vollständigkeit, Vermehrung von Wissen, Strukturierung und Darstellung von Wissen. Aber auch hier brauchen wir nach einigen Erklärungen keine Angst etwa vor einem restriktiven Systemdenken zu haben, denn "Systematizität als Charakterisierung von Wissenschaft" bedeutet keine "rigide, einheitliche Struktur der Wissenschaften."
Dann erfolgt die "Begründung der These". Aber bevor es dann mit der Explikation dessen, was die neun Dimensionen des wissenschaftlichen Wissens bedeuten, so richtig losgeht, werden wir vosichtshalber gewarnt, damit wir unsere Erwartungen nicht zu hoch schrauben: "Leider kann also die Begründung der Systematizitätsthese nicht so systematisch erfolgen, wie man es aufgrund der These selbst vielleicht erwarten würde." Dieser Eindruck muß nachdrücklich bestätigt werden je weiter man in der Durchsicht der folgenden Ausführungen über die genannten Dimensionen gekommen ist.
In dem letzten Abschnitt schließlich, dem "Vergleich mit anderen Positionen" wird einerseits Feyerabend "unterlaufen", was bei aller Vorliebe für sportliche Metaphorik doch recht unaufklärbar bleibt, andererseits auch Einstein vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen zitiert, um das Ganze mit folgender Quintessenz zu beschließen: "Die ganze Wissenschaft ist nur eine Systematisierung des alltäglichen Denkens."
Es könnte nun bei dieser These, bei der bedeutungsvollen Aufladung des Gewöhnlichen, sein Bewenden haben. Aber schlimmer als ihre scheinbare Bedeutungslosigkeit ist ja, daß sie nicht stimmt. Man müßte schon nahezu der gesamten philosophischen Tradition Ade sagen, wollte man Hoyningen-Huenes These folgen. Aber diese Absage an die Philosophie scheint seinen Ausführungen immanent zu sein: Wird die Philosophie im ganzen Artikel doch auch nur ein einziges Mal erwähnt, und dies auch nur, um ihr Ineffektivität vorzuhalten.
In aller Einfachheit muß Hoyningen-Huene entgegengehalten werden: Das Geistige, worauf doch alle Wissenschaft beruht, entzieht sich der alltäglichen Erkenntniseinstellung. Die Objektivität von Gesetzen, das Allgemeine der Begriffe, das Transzendentale, aber auch die dialektische Kompatibilität von Denken und Sein sind keine Gegenstände unmittelbarer Alltagserfahrung.
Seit den Anfängen der Philosophie gehört zur Wissenschaftlichkeit der Bruch mit dem natürlichen, bzw. alltäglichen Denken. Es geht nicht nur um Systematisierung oder mit neuem Zungenschlag: um Systematizität.
Parmenides muß eine Himmelfahrt antreten, um von einer Göttin zu erfahren, was die Wahrheit ist. Unter den alltäglichen Bedingungen auf Erden ist sie nicht zu erlangen. Und nicht durch die Sinne, sondern einzig durch die Vernunft ist sie zugänglich. Die Wahrheit enthüllt sich als das Abstrakteste, das zu denken ist: das Unentstandene, das Unvergängliche, Unbewegte, Unteilbare, das eine reine Sein.
Heraklit überschüttet seine Zeitgenossen mit Hohn und Verachtung, weil die das ewige Weltgesetz, den Logos nicht erkennen würden. In Platons Höhlengleichnis ist sogar eine vollständige Wendung der Erkenntnisrichtung erforderlich, um die Wahrheit in den Blick zu bekommen.
Ohne Frage lassen sich diese Beispiele metaphysisch ausdeuten, aber daß zum Erlangen gesicherter Erkenntnis eine Loslösung, ein Überschreiten der sinnlichen Anschauung, ein Bruch mit der unmittelbaren sinnlichen Erkenntniseinstellung erforderlich ist, dem liegen bei den antiken griechischen Philosophen bereits handfeste Erkenntnisse über die Erkenntnis als besonderer Realität zugrunde.
Von Platon und Aristoteles bis zu Kant und Hegel, und wenn man möchte auch bis Popper und Habermas, ist dieses Wissen über die Erkenntnis ein fester, unhintergehbarer Bestandteil der Reflexion auf die menschliche Wirklichkeit geblieben. Die Objektivität, das Allgemeine, das Transzendentale und die dialektische Beziehung von Denken und Sein entziehen sich prinzipiell der Unmittelbarkeit der alltäglichen Erfahrung.
Die Objektivität drückt die völlige Unabhängigkeit einer Aussage von dem Individuum aus, das sie macht. Das Objektive ist das für alle Individuen an jedem Ort und zu jeder Zeit Gleiche, vornehmlich die Mathematik und die Naturgesetze wie das Archimedische Prinzip. Die Objektivität bezeichnet eine rein theoretische Dimension der Geltung von Aussagen, die von subjektiven historischen, geographischen, klimatischen Bedingungen vollkommen unabhängig ist. Gerade auf der Möglichkeit solcher Aussagen basiert Wissenschaft als System, auch wenn sie restriktiv sein mag. Aus der Erkenntnis, daß die Newtonsche Mechanik keine absolute Geltung besitzt, wie es seit der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik der Fall ist, kann nicht die Schlußfolgerung gezogen werden, die Hoyningen-Huene zieht, daß die "Wissenschaft kein sicheres Wissen über die Welt erzeugen..." könne. Die Relativitätstheorie ist nicht relativ, die Unschärferelation nicht unscharf gemeint, die Vakuum-Lichtgeschwindigkeit keine schwankende Größe. Auch wenn der historische Weg der wissenschaftlichen Erkenntnis kein geradlienig fortschreitender ist, auch wenn es Paradigmenwechsel gibt, so wirft dies niemals das gesamte historisch erworbene Wissen über den Haufen, sondern ist immer Wissen auf der Basis von bereits erworbenem Wissen, worauf sie ruht, selbst wenn sie es falsifiziert.
Die Objektivität ist eine Erkenntisleistung, die nicht auf der sinnlichen Ebene liegt, sondern sich der Abstraktionsfähigkeit verdankt, die das Individuelle prinzipiell übersteigt, d.h. aus dem Individuellen nicht abgeleitet werden kann. Daraus, daß ich dies oder jenes erkenne, aus dieser Bindung der Erkenntnis an die individuelle Wahrnehmung, läßt sich kein wissenschaftliches Gesetz ableiten. Das Gesetz, auch wenn seine Gültigkeit nicht angezweifelt wird, kann nicht in der Erfahrung gegeben werden; in der Erfahrung sind lediglich Einzelfälle der Gesetze als Beispiele demonstrationsfähig. Der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung, die die Alltagserfahrung ist, ist die Objektivität kontraintuitiv.
Das Allgemeine liegt wie die Sphäre der Objektivität nicht auf der Ebene sinnlicher Erfahrung. Das Allgemeine konstituiert jede einzelne Erkenntnis, ohne daß dies der alltäglichen Erkenntniseinstellung bewußt werden müßte und zumeist auch nicht bewußt wird. Zu jeder Erkenntnis gehört ein Begriff. In der Form von Begriffen und Definitionen stellen wir im Sinne des Wortes fest, was das Bleibende im Wandel ist. Keine Definition, kein Begriff bezieht sich nur auf einen Gegenstand, sondern besitzt die Qualität der Anwendbarkeit auf alle Exemplare seiner Art: Er ist allgemein. Das Allgemeine ist die Voraussetzung der erkenntnismäßigen Durchsichtigkeit der Wirklichkeit. Es ist in der konkreten Anschaulichkeit der Außenwelt nicht vorhanden, so wenig wie das Fallgesetz, nach dem ein Stein fällt. Das Allgemeine ist sinnlich nicht gegeben. Aber – und darüber belehrt Sokrates seine Gesprächspartner in vielen Dialogen – es gibt kein Verständnis irdischer Sachverhalte ohne Bezug zum Allgemeinen. Der bewußte Übergang der Erkenntnis zur Akzeptanz des Allgemeinen als Prinzip der Wirklichkeit konstituiert jede Wissenschaft. Es gäbe keine wissenschaft, wenn es das Allgemeine nicht gäbe.
Gleiches gilt von dem Tranzendentalen. Es kann als gesicherte Erkenntnis angesehen werden, daß die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung sind, wie Kant es ausdrückt. Anders: Ohne die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, die in bestimmten Erkenntnisfunktionen besteht – Kant nennt sie a priori -, ist Erfahrung nicht möglich. Die Differenz zwischen dem, was zu den Erkenntnisbedingungen und dem, was zur Außenwelt gehört, entzieht sich der alltäglichen Wahrnehmung. Die Erkenntnisbedingungen werden in der alltäglichen und natürlichen Erkenntniseinstellung für Eigenschaften der Dinge gehalten. Kants Kritik der reinen Vernunft besteht zu einem Großteil aus der Rücknahme dieser Hypostasierungen. Bereits Platon vermochte Erkenntnis nicht ohne Vorgängigkeit, ohne Anamnesis erklären.
Schließlich ist auch die Dialektik von Denken und Sein der Erfahrungswelt des Alltagswissens nicht präsent. Auch wenn die Dialektik Hegels methodisch als Gegensatz zur Transzendentalphilosophie angesehen wird, faktisch - wenn auch unreflektiert – ist die Einheit der Vernunft, wie sie Kant entwirft, z. B. durch die Beziehung zwischen Begriff und Anschauung - nur durch dialektische Vermittlungen möglich. Erkenntnis kann prinzipiell nur in der Weise einer Kompatibilität von Denken und Sein erklärt werden. Die Reduktion auf Erkenntistätigkeiten, wie es Hoyningen-Huene in seinem Artikel vornimmt, überspringt nicht die Frage danach, wie es kommt, daß die logischen Abläufe des Denkens, die von den Naturprozessen grundverschieden sind, doch zur Erkenntnis der Natur geeignet sind. Es ist die Frage, warum die Natur bei unseren Erkenntnisoperationen mitspielt. Es muß eine Kompatibilität beider Bereiche geben. Dem Alltagsdenken wird diese Differenz überhaupt nicht bewußt. In unseren bewußten Erkenntnisakten sind die beiden Dimensionen zu einer Einheit amalgamiert. Es ist ein Irrtum, zu meinen, man könne die Reflexion auf diesen Zusammenhang von Einheit und Differenz umgehen, indem das Verhältnis von Alltagswissen und Wissenschaft thematisiert wird. Auf die Weise wird bloß der erkenntnistheoretischen Grundproblematik ausgewichen.
Resümierend muß festgestellt werden, daß nicht nur der Alltagserfahrung diese Grundprinzipien des Denkens unerschlossen bleiben, sondern offensichtlich auch dem Theoretiker der Systematizität. Nur weil sie ihm offensichtlich unerschlossen bleiben, kann er zu der Simplifizierung kommen, die sein Fazit ist. Kein Wort muß diese Simplifizierung verlieren, um sich auf die erkenntnistheoretischen Methoden der dialektik, der Transzendentalphilosophie oder der Phänomenologie einzulassen; kein Wort auch dazu, daß die Begründung von Wissenschaftlichkeit keine Sache einer einzelnen Wissenschaft selbst sei, sondern daß die einer anderen Disziplin, eben der Philosophie zugehöre, wie bereits Aristoteles in der Metaphysik erörtert. Aus 2500 Jahren philosophischer Tradition kann man so wenig schadlos aussteigen wie aus der Geschichte irgend eines einzelnen wisenschaftlichen Gebiets. Wer es versucht, landet in unsäglicher Verflachung der Sachverhalte. Es ist das eigene Niveau der bornierten Alltagserfahrung, die das wissenschaftliche Wissen auf das eigene Weltverständnis herabzieht.
Zu befürchten ist, daß diese magere Kost an Philosophie in Zukunft an der Leibniz-Universität Hannover verabreicht wird, denn die vorgesehene Neustrukturierung der Philosophie soll nach Plänen von Hoyningen-Huene erfolgen.
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