Wider den erkenntnistheoretischen Neoliberalismus
Vor Weihnachten sah ich eine Sendung im Fernsehen, in der wieder einmal der Hirnforscher Singer seine Sicht der Realität ausbreitete. Die anwesenden Diskussionspartner, Philosophen, brachten Anmerkungen vor, kritische natürlich. Aber das Szenario war eindeutig: Der eine expliziert die Realität, die anderen kommen mit Worten. Ich dachte, über die Weihnachstage hätte ich das längst vergessen, aber es ist nicht so. Daher nun noch einmal zum Thema. Es geht nicht gegen die Hirnforschung generell. Das vorweg gesagt. Es geht gegen die Deutung ihrer Resultate, auch nicht von allen Hirnforschern, sondern von denen, die die Freiheit des Menschen leugnen. Zunächst möchte man am liebsten wie Nietzsche argumentieren: Welches Interesse steckt dahinter, die Freiheit zu leugnen, wenn davon ausgegangen wird (wie Nietzsche es tut), dass hinter allem Wahrheitsgetue doch ein Interesse verborgen ist, das die Erkenntnisse leitet, das berühmte erkenntnisleitende Interesse. Dann ist klar: Wer die Freiheit leugnet, will nicht die Befreiung. Wir haben es schon immer gewusst: Wer die Freiheit leugnet ist ein Reaktionär. Auch wenn in hochwissenschaftlicher Verkleidung. Wir sollen uns dem Schicksal ergeben. Die ganze Absage an die Freiheit ist ein Schlag gegen die Mündigkeit des modernen Menschen, gegen die Möglichkeit seiner Selbstbestimmung. Es geht dagegen, dass die Menschen ihre Geschichte mit Bewusstsein machen. Geschichte mit Bewusstsein machen zu wollen, soll die größte aller Täuschungen sein. Und das im aufkommenden Zeitalter der Universalität, wo nur eine Weltinnenpolitik in der Lage ist, die globalen Probleme zu lösen. Hirnforschung, die die Freiheit leugnet, ist im Kern nichts anderes als erkennntistheoretischer Neoliberalismus: Der Markt, d.h. der Selbstlauf der Geschichte soll es richten, nur nicht reinpfuschen in seine Regulierung! Banker haben uns vorgemacht, wo wir dann landen.
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kleinklaus on Februar 16th 2009
Gesetzt den Fall :Singer möchte einem postkopernikanischen Paradigma in die Strümpfe helfen,dann wären Sie (aus Bequemlichkeit?) Bremser.Mir macht er nicht Angst!Mein FreiheitsGEFÜHL bleibt!!Geeignetere Stimuli des sozialen,kuturellen ,,Uterus"könnten dem ,,Wunder Mensch"zu liebevollerer Gemeinschaftsfähigkeit verhelfen!
Ein langer Weg?! Der ,,freie Wille"ist eine starke,früher stabilisierende Übereinkunft ,sehender Menschen. Es besteht Handlungsbedarf ....Zu gross der,,Umdenkberg"?
Für das Pflanzen von Radieschen, hinterm Haus, ist das ptolemäische Weltbild auch heute noch ausreichend! danke für Reflax
PS:haben die Banker nu auf Singer gehört?...ich sach ma ,die kenn den garnich,
die sind freiwillentlich ihrer Gier gefolgt.Eine Blasenaufblasrunde geht noch!!
Selbstbestimmung hammer doch:wenn jeder an sich denkt ist an alle gedacht!
Simmer im gleichen Boot? Wollen Sie Weltinnenpolitik? ich mein ja blos
johanneskeizer on Januar 11th 2009
Wenn Hirnforscher die Freiheit leugnen, sind sie keine Hirnforscher mehr, sondern Philosophen. Hirnforscher beschaeftigten sich mit Dendriten, Neuriten, Neurotransmittern, den sie codierenden Genen, usw.. Philosophen beschaeftigen sich mit der Freiheit - zumindest, wenn wir das wissenschaftlich betrachten. Es gibt Unterschiede zwischen Wissenschaften und ihren Objekten/Subjekten :-)
Da Hirnforscher nun einmal keine philosophische Ausbildung haben, sollte man ihnen nicht allzu uebel nehmen, wenn sie manchmal etwas absurdes ueber die Existenz/Moeglichkeit von Freiheit sagen. Ich habe auch Philosophen gehoert, die Absurditaeten ueber die Gefaehrlichkeit von Gentechnologie behaupten :-).
Ich stimme mit Gerhard Stamer ueberein, dass wir, "Geschichte mit Bewusstsein machen wollen", das ist Teil der Behauptung, "dass es Freiheit gibt". Es beinhaltet aber keines wegs, "dass die Menschen ihre Geschichte mit Bewusstsein machen". Das ist nur sehr eingeschraenkt wahr. Wir sind bestimmt durch Gene und Meme und deren Produkte, wir sind nicht frei, es gibt eine "menschliche Natur" - wie es der Antropologe Stephen Pinker in seinem Buch "The Blank slate" entwickelt. Wir fordern ein, frei zu sein. Das koennen wir. Das bedeutet auch "die Zivilisation gegen die Natur setzen" oder "den menschlichen Anspruch ueber und manchmal gegen die menschliche Realitaet". Ich will das nicht absolut setzen, auch die Moeglichkeit zur Freiheit ist in der materiellen Natur enthalten, aber es ist nicht widerspruchslos. Der Kapitalismus, der mehr der menschlichen Natur den Lauf laesst - aber nicht einmal im tiefsten Neo-liberalismus vollstaendig - ist Grundlage einer, wenn auch durch periodische Katastrophen laufenden, lebbaren Gesellschaft. Der Kommunismus, der meinte, durch den menschlichen Willen alles hervorbringen zu koennen, hat nur Katastrophen hervorgebracht.
stamer on Januar 15th 2009
Daß der Neoliberalismus immer noch das Gespenst des Kommunismus an die Wand malen muß, um sich rechtfertigen zu können, hat mich überrascht! Wenn heute von "Mit Bewußtsein Geschichte machen" die Rede ist, dann natürlich nur in dem Sinne, in welchem zum Beispiel C.F.v. Weizsäcker von einer Weltinnenpolitik sprach.
Und was den Kommunismus betrifft, zumindest wenn wir davon ausgehen, daß Marx was damit zu tun hatte, dann sollte es doch gerade nicht der subjektive menschliche Wille sein, der voluntativ an die Geschichte herangeht und vielleicht sogar nach Ideen etwas verändern will, sondern es sollte die wissenschaftliche Einsicht in die ehernen Gesetze der Gesellschaft sein, nach der eine Veränderung erfolgt. Also nichts einfach durch den menschlichen Willen!
johanneskeizer on Januar 22nd 2009
Mit der Entgegnung (siehe zweiter Absatz von G.Stamers Antwort) hatte ich gerechnet. Dabei finde ich es so eindeutig: Die Grundideen des Kommunismus sind idealistisch selbst in der Populaerinterpretation des Begriffes. "Kategorischer Imperativ, alle Verhaeltnisse umzustuerzen, in denen der Mensch ein geknechtetes und unterdruecktes Wesen ist"..."Aufhebung der Entfremdung der Arbeit" "dass der Mensch morgens Fischer, .....und abends kritischer Kritiker ist" (Marx, zitiert aus dem Gedaechtnis). Diese wundervollen reinen Ideen des menschlichen Geistes waren wohl so erschreckend, dass man dazu eine pseudomaterialistische Geschichtstheorie und Philosophie ausdenken musste: deren eherne Gesetze waren nicht basiert auf Rationalitaet und Evidenz und darum eben doch reiner Voluntarismus.
Ideale sind nur gut in einem pragmatischem Umfeld!