Philosophie der Präsenz
Mit dem folgenden Artikel hatte ich eine Reihe von Kolumnen bei philosophie.de eröffnet. Immer noch ist diese Kolumne ein hervorragendes Beispiel für das Programm von REFLEX, deshalb beginne ich auch diese neue Internetpräsenz mit dem Titel der Philosophie der Präsenz.
Diese Internetseite ist geschaffen worden, um Diskussionen über den örtlich begrenzten Raum dieser Stadt - Hannover - hinaus führen zu können. Die Möglichkeiten sind da, warum sie nicht nutzen? Im Internet gibt es keine Landesgrenzen. Die einzige Grenze, die wir zunächst setzen, ist die sprachliche. Die Diskussionen zu denen wir hier anregen, sollen zunächst in deutscher Sprache geführt werden.
Beginnen wir!
Seit gut zwei Jahrhunderten versuchen sich wissenschaftliche Disziplinen von der Philosophie zu emanzipieren. Es ist wie bei den Kindern: der Bogen wird dabei immer überspannt. Keine dieser Disziplinen hat es versäumt, mit der Attitüde des nun endlich stattfindenden Durchbruchs zur ungeschminkten Wahrheit das traditionelle Gedankengut als antiquiert und nun glücklicherweise überwunden zu schmähen und mit Hohn herabzusetzen.
In immer neuen Varianten wird in bilderstürmerischem Eifer der Versuch unternommen, gerade das, was offensichtlich das Besondere des Menschen ausmacht, ihm abzusprechen, nämlich seine mit Bewusstsein verbundene Fähigkeit, zu denken und sich in Freiheit selbst zu bestimmen. Alle diese Richtungen sind sich darin einig, den Idealismus überwunden zu haben, der in dieser Selbsterkenntnis des Menschen besteht, die seit Parmenides und Heraklit die Philosophie in Gang gebracht hat. Ob es am Anfang der Gesellschaftswissenschaft bei Karl Marx heißt, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, ob es im Zuge der Etablierung der modernen psychologischen Therapiekultur bei Sigmund Freud unter Hinweis auf das Unbewusste heißt, der Mensch sei nicht einmal Herr im eigenen Hause, ob seit Wittgenstein ein Paradigmenwechsel von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie vollzogen sei; und ob jetzt von der Hirnforschung das bewusste Sein des Menschen und die Freiheit als Schein entlarvt sei: immer scheint es sich in einem Gestus radikaler Aufklärung um eine Überwindung der Selbsttäuschung des Menschen zu handeln, der sich aufgrund seiner Denkfähigkeit eine – wie auch immer näher zu erklärende – Möglichkeit der Selbstbestimmung als fundamentale Daseinsform zuspricht.
Eine gewisse Selbstverständlichkeit hat sich im Zeitgeist aufgrund dieser breiten und mit vielen theoretischen Hervorbringungen ausgestatteten Front niedergeschlagen, im bewussten Sein des Menschen etwas Sekundäres zu sehen, etwas, das mit der traditionellen Überhöhung des Menschen in religiösen Selbstdeutungen zusammenhängt. Mag es in früheren Zeiten eine grandiose Überhöhung des Menschen in Vorstellungen der Gottesebenbildlichkeit gegeben haben, gegenwärtig scheint der größte Triumph menschlicher Erkenntnis darin zu bestehen, den Menschen mit irgendwelchen Kleintieren gleichzusetzen, denn so verschieden seien deren Gene nicht von denen der Menschen. Frühere Zeiten mochten den Menschen die Krone der Schöpfung auf den Kopf gepresst haben, ob sie passte oder nicht, heute scheint es darum zu gehen, dem Menschen nicht nur die Krone vom Kopf zu reißen, sondern diesen selbst, d.h. die Fähigkeit des Denkens zur Selbstbestimmung unter bestehenden Bedingungen. Die Philosophen haben ihren Teil dazu beigetragen, bis in die neueste Zeit hinein. Adorno setzt alles daran, „mit der Kraft des Subjekts den Trug konstitutiver Subjektivität zu durchbrechen“, Heidegger übergibt die Freiheit des Menschen an die Übermächtigkeit des Seinsgeschicks, das sich vollzieht. Noch bei Habermas ist diese Tendenz zu spüren.
Nur nicht in den Verdacht des Idealismus geraten! So versichert auch er in seinem Vortrag anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises im November 2004, in dem er gegen die reduktionistischen Deutungen der Hirnforschung Einspruch erhebt, daß das Ich „sozial konstruiert“ sei. Soziale Konstruktion des Ich ist eine geschickte Umschreibung für die Negation der Selbstbestimmung des Ich. Sie bedeutet, daß die Gesellschaft durch Sozialisation die Menschen zu dem bestimmt, was sie sind. Eine reflektive Vernunft, die Distanz zu den Bedingungen ihrer eigenen Existenz und denen der bestehenden Lebenswelt herstellen kann, ist nur unter Anerkennung der Bewußtseinsphilosophie denkbar, die Habermas aber für das Paradigma einer pragmatischen Sprachphilosophie längst aufgegeben hat.
Kein Wunder, wenn nun die Hirnforschung ein freies Feld vorfindet, um in den Deutungen ihrer prätentiösesten Vertreter zum Gegenschlag gegen die Aufklärung, aber auch gegen die theologischen Auffassungen der Freiheit des Menschen und seiner Sonderstellung in der uns bekannten Welt auszuholen. „Keiner kann anders, als er ist. Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden.“ Das ist die Überschrift eines Artikels von Wolf Singer, dem Dirktor am Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in der Frankfurter Allgemeinen. Das von den Gedanken Wolf Singers inspirierte hochgesponserte Kulturprojekt „Frankfurter Positionen“ auf dem dieser auch den Eröffnungsvortrag 2003 hielt, lautete konsequent: „Warum nicht würfeln?“ Nicht die Bewältigung der komplexen Wirklichkeit mit Vernunft ist also der Weisheit letzter Schluss, sondern das Chaos – den Zufall – zur eigenen Methode zu machen. Unverkennbar handelt es sich um den wissenschaftlich getarnten Zynismus dessen, der nicht durchblickt und klüglich den Verzicht auf den Durchblick zur überlegenen rationalen Einstellung stilisiert. Dieser Fatalismus der Vernunft in der Epoche globalisierter Zusammenhänge – man mag darüber denken, was man will, warum er denn auch in der Homepage von Angela Merkel verbreitet wird – ist im Kern das Eingeständnis und die Rechtfertigung der Konzeptlosigkeit angesichts der Gegenwart – und in Folge dessen die Preisgabe des konstruktiven politischen Gestaltungswillens, dem das Bild einer humanen Zukunft zugrunde liegt.
Dieser Selbstaufgabe der Vernunft ist die Philosophie der Präsenz entgegen zu setzen. Mag in früheren Zeiten eine idealistische Metaphysik die Substanz der Realität in das Jenseits verlegt haben, so wird in der heutigen materialistischen Metaphysik die Substanz in das Jenseits der biophysischen Vorgänge des Gehirns verlegt. Metaphysik ist beides, denn die Realität des Menschen, der Ort seines Daseins, ist sein bewusstes Erleben.
In seinem bewussten Erleben gibt es Argumente und treten Fakten auf, die auf die Existenz Gottes schließen lassen oder auf die Basisfunktion des Gehirns für alle mentalen Vorgänge. Ohne bewusstes Erleben gäbe es keine Frage nach dem Verhältnis des Gehirns zum Bewusstsein, gäbe es keine Hirnforschung. Ohne zu wissen, was Bewusstsein ist, würden wir gar nicht wissen, was wir im Gehirn suchen sollten. Die Realität desMenschen besteht dort, wo er anwesend ist. In seinem bewussten Erleben ist der Mensch da. Diese Präsenz ist seine Realität. Das bewusste Erleben ist das Ursprüngliche der menschlichen Seinsform. Es kommt darauf an, es zu begreifen. Es auf anderes zurückführen zu wollen, ist der Verzicht darauf, es zu begreifen. Es als Schein zu erklären, bedeutet im Kern die Negation seiner wesenhaften Existenzform: das menschliche Sein sei eben nur ein Schein.
Und es ist die Absage daran, mit Bewusstsein in den Lauf der Geschichte eingreifen zu können. Ein Hohn auf alle humanen Bemühungen. Es ist die Selbstpreisgabe im Zeitalter der Globalisierung.
Es wäre der bare Unsinn, dass der Mensch gerade zu dem historischen Zeitpunkt, in dem sich das Netz der menschlichen Produktivität – eine Leistung seiner Erkenntniskräfte – um den ganzen Planeten zieht, sich selbst als ohnmächtig und verantwortungslos interpretieren möchte.
Gerhard Stamer
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stamer on Januar 25th 2009
Johannes Keizer hat in seinem Kommentar zu meinem Artikel „Philosophie der Präsenz“ das Folgende geschrieben, worauf ich antworten möchte.
„Ich finde den Gedanken, dass das menschliche Denken und die Möglichkeit der Freiheit des Menschen Teil der Natur ist, und aus der Natur heraus gedacht werden kann, sehr aufregend. Eine klare Konsequenz daraus wäre eine Aufhebung der Trennung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften (im angelsächsischen noch schlimmer "Science" and "Humanities"). Die Naturwissenschaften geben den Anspruch auf, dass sie die eigentlichen Wissenschaften sind und immer exakt, die Geisteswissenschaften geben den Anspruch auf, dass eigentlich nur sie mit dem wirklichen Wesentlichen für den Menschen beschäftigt sind, während in den Naturwissenschaften nur geistloser Determinismus haust.“
Warum ist die Freiheit des Menschen ein Teil der Natur und warum nicht? Die Freiheit des Menschen muß im weitesten Sinne auch als ein Hervorkommnis aus der historischen Tiefe der Naturentwicklung verstanden werden. Wir können uns nichts denken, was nicht aus dem Prozeß der Natur hervorgegangen ist. Auch für aufgeklärte Theologen gibt es heute keinen Weg von Gott unmittelbar zu den Menschen. Es geht immer nur durch die Natur hindurch. Aber die Natur muß deshalb nicht als eindimensional verstanden werden. Seit Beginn der Philosophie ist es dies, was sie zum Ausdruck bringt. Geist, um davon zu reden, lässt sich nicht als Naturphänomen beschreiben wie alles andere, was in Raum und Zeit vorkommt, aber befindet sich mit diesem allen in unmittelbarer Kongruenz und Kompatibilität. Früh hat Aristoteles den methodischen Rahmen der Physik abgesteckt. Kant wiederholt dies in der Kritik der reinen Vernunft. Zur Physik gehört, was in Raum und Zeit erscheint, Geist aber erscheint nicht, auch Bewusstsein erscheint nicht, aber Geist und Bewusstsein sind Voraussetzung der Erkenntnis von allem, was in Raum und Zeit erscheint. Absurd würde es, Erkenntnis zu leugnen, weil sie Bewusstsein und Geist voraussetzt, da die nicht zur Sphäre der Erscheinung gehören. Erkenntnis kann nicht geleugnet werden, denn ansonsten wäre auch die Erkenntnis der Dinge, wie sie in Raum und Zeit erscheinen, nicht möglich. Bewusstsein und Geist müssen als zugehörig zur Realität anerkannt werden. Wie unterscheidet sich nun das Geistige von den übrigen Vorkommnissen der Natur? Die Stelle, an der ich es zum ersten Mal begriffen habe, ist der 4. Punkt in Kants Transzendentaler Ästhetik „Von dem Raume“, den er in der Ausgabe B der Kritik der reinen Vernunft hinzugefügt hat. Da heißt es:
„Der Raum wird als eine unendlich gegebene Größe vorgestellt. Nun muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die in einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich enthält; aber kein Begriff, als ein solcher, kann so gedacht werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl wird der Raum so gedacht.“ (B 40)
Im Denken, im Begriff ist das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen ein grundsätzlich anderes als in der raum-zeitlichen Welt, Kant spricht hier von Anschauung. In dieser kann immer nur ein Einzelnes zu einem Einzelnen hinzugefügt werden, so dass es dabei zu einer immer größeren Ansammlung kommt. Viele einzelne Bäume ergeben einen Wald. Im Begriff aber, der kleinsten Einheit des Denkens, gibt es die Subsumtion. Unendlich viele Dinge einer Art, Steine, Pflanzen oder Tiere werden unter einen Begriff gebracht, ohne dass wir denken, er enthielte sie in sich. Ohne diese Fähigkeit des Menschen, viele gleiche Dinge, Dinge einer Art unter einen Begriff zu bringen, gäbe es keine Erkenntnis, wäre der Mensch kein Mensch. Auch an anderen Beispielen ließe sich erklären, warum das Geistige Eigenschaften besitzt, die in der Natur ansonsten nicht vorkommen. Erklärt werden muß also, wie die zwei Dimensionen - raum-zeitliche Natur und das Geistige – so unterschieden sie voneinander sind, doch miteinander kompatibel sind. Die einfache Identität von Natur und Geist ist ein Rückfall hinter das Bewusstsein der Philosophie, wie sie seit Heraklit und Parmenides besteht.
dr.claudiasimon... on Januar 19th 2009
Wir erleben derzeit eine Diskrepanz zwischen zu technischer Vernunft manifestierter weltumspannender Erkenntniskraft und in Ohnmachtsgedanken verharrendem Selbstanspruch, welche aufgrund ihrer inneren logischen Unhaltbarkeit einen jeden Philosophen zum Widerspruch reizen muss. Gerhard fasst seine bemerkenswerten Gedanken in einem finalen Satz zusammen:
"Es wäre der bare Unsinn, dass der Mensch gerade zu dem historischen Zeitpunkt, in dem sich das Netz der menschlichen Produktivität – eine Leistung seiner Erkenntniskräfte – um den ganzen Planeten zieht, sich selbst als ohnmächtig und verantwortungslos interpretieren möchte."
Ich möchte dem zustimmen und zugleich einen eigenen Gedankengang, nicht als must, sondern lediglich als Diskussionsanregung verstanden, bekannt geben.
Es scheint eine Weiterentwicklung der Dynamik zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung zu geben, in welcher ich mit Hans Blumenberg nach wie vor den Aufstand des Menschen (als Individuum) gegen eine als allmächtig gesetzte absolute Entität erkenne. Letztere scheint eine Variable zu sein: heute gilt nicht mehr der "omnipotente" Gott der Scholastiker als allbestimmende und den Menschen in seiner Freiheit degradierende Entität, sondern offenbar "der Terror der Ökonomie" (V. forrester) oder der angebliche determistische Naturalismus der Gene.
Ich stelle mir angesichts dieser Neuauflage eines irrationalen Ohnmachtsdenkens im postmodernen Gewand ( die "reaktionäre Moderne" lässt grüssen) zwei Fragen, eine eher phänomenologisch, eine psychologisch:
Wo bleibt unser Protest - lassen sich heutige Philosophierende einschüchtern von dem leeren Kling-Klang zu Schlagworten geronnener Antiaufklärung - und da es offenbar so ist: verdienen sie nicht die gesellschaftliche Diskreditierung, die sie derzeit erfahren, da sie ihr Eigenes so leicht verraten?
Weshalb fällt es dem Menschen so schwer, sich seiner Freiheit und Eigenverantwortung gewahr zu werden - denn die Beweislast seiner durch Erkenntnis erworbenen technischen Vernunft scheint leichter zu wiegen als das reaktionäre Inquantum als Motor seiner Ohnmachtsgedanken?
Ich fordere deshalb: Wir brauchen eine Philosophie der "unzeitgemässen" Gedanken und der mutigen Denker, wenn wir sehen, wohin uns die zeitgemässen gebracht haben - ich fordere noch mehr: wir brauchen Selbst-Denker (in Deutschland eine unerhörte Provokation), die den Eigengebrauch ihrer Vernunft selbstredend dazu anwenden, sich in dieser ihrer nobelsten Eigenschaft - die ein Wesensmerkmal ist - zu versichern.
kleinklaus on Februar 06th 2009
Ist die (Auf-)Forderung an mutige Denker schon neues,unzeitgemässes Denken?
Nur Mut! Warum macht Ihr nicht? Tja Gandhi hat für seine Überzeugungen ein paar Unannehmlichkeiten hingenommen. Unakzeptabler Gedanke für unter Zeitmangel leidende Drittmitteleinwerber? Praktische Antworten auf,, Sinn des Lebens" Fragen?
Mein Eindruck hier(bis jetzt), Ausblicke aus den oberen Stockwerken der,,klassischen
Gedankenwolkenkratzer". Stellungnahmen zum bedingungslosen Grundeinkommen? ?
(Antrag ist im Petitionsausschuss des Bundestages) Anstrebenswerte Gesellschaftsvision? Wachstum?-Wohin?-Wielange? nichts für ungut
johanneskeizer on Juni 08th 2008
Ich kann gar nicht laut genug ja rufen, um meine Uebereinstimmung mt den letzten beiden Absaetzen in Gerhard's essay auszudruecken.
Ich habe aber meine Bedenken bei Saetzen wie "In immer neuen Varianten wird in bilderstürmerischem Eifer der Versuch unternommen, gerade das, was offensichtlich das Besondere des Menschen ausmacht, ihm abzusprechen, nämlich seine mit Bewusstsein verbundene Fähigkeit, zu denken und sich in Freiheit selbst zu bestimmen." Das erinner mich an Monod, wenn er sagt: "...der Mesch (muss) endlich aus seinem tausendjaehrigen Traum erwachen und seine totale Verlasssenheit, seine radikale Fremdheit erkennen, Er weiss nun, dass er seinen Platz wie eine Zigeuner am Rande des Universums hat, das fuer seine Musik tabu ist und gleichgueltig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.".... Nur von der anderen Seite her gesehen.
Ich glaube, dass eine Begruendung der Freiheit des Menschen aus einer "Sonderstellung" in der Welt oder gerade aus einer Kontraposition gegen die Natur weder sinnvoll noch noetig ist.
Die Moeglichkeit des menschlichen Denkens, und damit die Moeglichkeit der Freiheit ist bereits in der Natur (und somit auch in den Naturwissenschaften, die der Natur nicht widersprechen koennen :-)))) enthalten. Oder, um mit Ilya Prigogine zu sprechen: "Wr muessen nicht mehr zwischen "praktischer" Freiheit und "theoretischem" Determinismus waehlen" (Dialog mit der Natur, S. 25)
Wolf Singer vertritt nicht die Naturwissenschaften und Gerhardsollte vermeiden, einen Popanz aufzubauen Viele Naturwissenschaftler haben sich als Wissenschaftsphilosophen versucht, wenn ihnen irgendwelche Preise verliehen wurden - mit mehr oder minder Erfolg. Es ist zu einfach, sich mit interpretativen Flachheiten wie denen von Singer auseinanderzusetzen.
Die Aussage, dass in der Natur alles auf einfache Gesetze zurueckzufuehren, ist und dass Komplexizitaet nur einem Mangel von Information entspricht, ist weder unter Naturwisseschaftlern noch unter Wissenschaftstheoretikern, unumstritten. Es ist wahr, dass dieser Versuch immer wieder unternommen wurde, Newton mit seiner Mechanik, Bohr mit seinem Atommodell, Einstein mit seiner allgemeinen Feldtheorie, aber alle diese Versuche sind auch gescheitert. Wir sehen zur Zeit das spektakulaere Schauspiel wie die Molekulargenetik scheitert bei dem Versuch, alles auf einfache Gensequenzen zurueckzufuehren. Die Naturwissenschaft macht ungheure Fortschritte in der Erkenntis der Natur mit dem Menschen als Part, ohne auch nur einen Schritt in ihrer Entzauberung vorwaerts zu kommen. Hinter der Ecke wartet immer ein neues Geheimnis.
Die Auffassung, dass alles was die aeussere Natur bestimmt, deterministisch ist, und dass die Freiheit nur in der menschlichen Praxis existiert, ist umstritten. In einem ganzen Bereich der Naturwissenschaften, der Darwinschen Evolutionstheorie (die mit einem Popper'schen Kriterium nicht einmal as Wissenschaft bezeichnet werden koennte) gibt es diese deterministischen Kausalwirkungen ohnehin nicht.
Das Werk von Ilya Prigogine, ein Nobelpreistraeger in Chemie, ist ueber chemische Systeme fern vom Gleichgewicht, in denen es keine deterministischen Gesetze gibt, die bestimmen, in welche Richtung sich das System entwickeln wird. Die Zukunft ist NICHT in der Vergangenheit enthalten. Die Wissenschaftsphilosophin Isabelle Stengers hat diese Gedanken weiterentwickelt "She suggests we might interprete the tension between scientific objectivity and belief as a necessary part of science, central to the practices invented and reinvented by scientists" (Bruno Latour in seinem Vorwort zu Stengers Buch "The invention of modern Science".
Ich finden den Gedanken, dass das menschliche Denken und die Moeglichkeit der Freiheit des Menschen Teil der Natur ist, und aus der Natur heraus gedacht werden kann, sehr aufregend. Eine klare Konsequenz daraus waere eine Aufhebung der Trennung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften (im angelsaechsischen noch schlimmer "Science" and "Humanities"). Die Naturwissenschaften geben den Anspruch auf, dass sie die eigentlichen Wissenschaften sind und immer exakt, die Geistenwissenschaften geben den Anspruch auf, dass eigentlich nur sie mit dem wirklichen Wesentlich fuer den Menschen beschaeftigt sind, waehrend in den Naturwissenschaften nur geistloser Determinismus haust.
Der menschliche Verstand generiert Aussagen ueber die Natur, ueber das Leben, ueber sich selbst und er generiert auch Kriterien, um diese Aussagen auf ihre Wahrhaftigkeit zu ueberpruefen. Daraus entsteht das Wissen einer Gesellschaft.
Philosophen, die auf der Eigenverantwortung des Menschen bestehen und auf der Existenz von menschlicher Freiheit und Verantwortung muessen sich mit den Naturwissenschaftlern verbuenden. Es gibt kaum ein grossartigeres Feld der Anwendung dieser menschlichen Freiheit und Kreativitaet als in den Naturwissenschaften (und ich schliesse hier die Technologie, die den Entwicklungen der Wissenschaft folgt mit ein).
Vielleicht gibt es ja auch ein kleines Problem mit der Philosophie oder den Geisteswissenschaften im allgemeinen: Was haben Sie in diesem Jahrhundert dazu beigetragen, um der Menschheit zu einer besseren Erkenntnis ihrer Existenz zu verhelfen und um eine Vision zu geben fuer die Entwicklung dieser Welt?
johannes keizer, Rom